Um 4.30 Uhr reißt uns der Wecker aus dem doch viel zu kurzen Schlaf. Schnell die allerletzten Sachen und Proviant einpacken, die Taschen nach unten und unsere Reisegefährte aus dem Keller heraustragen. Alles fertig. Jetzt müssen wir nur noch unseren Sohn wecken. Wie wird er reagieren, wenn wir ihn um 5 Uhr wecken? Mit einem strahlenden Lächeln und ohne Murren lässt sich unser Kurzer anziehen und in den Anhänger verfrachten.

Es ist Viertel nach fünf und somit genügend Zeit, um in Ruhe zu Hauptbahnhof zu fahren. Doch wir kommen keine 50 Meter weit. Der Gepäck-Trailer, mit dem ich fahren soll, ist falsch beladen. Schnell versuchen wir unsere Campingsutensilien neu zu ordnen. Nächster Versuch. Wieder komme ich kaum voran. Der Anhänger ist so instabil, dass es sich auf das ganze Gespann auswirkt und eine enorme Kraftanstrengung zur Stabilisation nötig ist. Verzweifelung! Wie sollen wir denn jetzt zum Bahnhof kommen? Was ist, wenn wir jetzt unseren Zug nicht bekommen?

Wir entscheiden, die Räder zu tauschen. Alex schafft es, das Gespann in den Griff zu bekommen. In rekordverdächtigen 22 Minuten legen wir die Strecke zum Kölner Hauptbahnhof zurück – und dass ohne Frühstück. Daher werde ich von meinen Schwiegereltern mit den Worten begrüßt: „Du bist ja ganz weiß im Gesicht. Geht es dir gut?“ Erst jetzt merke ich, dass mein Kreislauf völlig im Keller ist.

Aber da muss ich nun durch, wir haben noch gute zehn Minuten, um unseren Zug zu kriegen. Dank der Hilfe der Schwiegereltern, die sich angeboten haben, uns zu dieser nachtschlafenden Zeit beim Einstieg behilflich zu sein, schaffen wir es, unsere Fahrräder, Anhänger, unser Gepäck und uns pünktlich im EC Richtung Hamburg zu verstauen. Während Papa alles im Mehrzweckabteil verteilt, machen sich Mama und Sohnemann über den Proviant her.

Entspannte Fahrt nach Norddeutschland

Die vierstündige Fahrt bis nach Hamburg vergeht wie im Flug. Kurz vor Hamburg steigt die Aufregung wieder an. Wird die Umstiegszeit von 30 Minuten reichen? Wird tatsächlich jemand von der Bahnhofsmission am Bahnsteig auf uns warten, um uns beim Umstieg zu helfen?

Aber die Sorgen verfliegen sofort. Einerseits erwarten uns bereits zwei hilfsbereite Männer der Hamburger Bahnhofsmission. Wenige Tage vor unserer Reise hatten wir mit der Bahnhofsmission telefoniert und um ihre Hilfe gebeten. Ohne zu zögern wurde uns die Hilfe zugesagt. Alles, was wir noch tun mussten, war unsere Reiseverbindung per Mail zu übermitteln. So wurden wir auf schnellstem Wege durch den Hamburger Hauptbahnhof zu unserem Gleis gelenkt.

Aber nicht nur die Bahnhofsmission griff uns tatkräftig unter die Arme, auch mit den übrigen Fahrradtouristen, die in Hamburg aus- oder umstiegen, ergaben sich spontane Hilfsgruppen, so dass alles reibungslos klappte. Aber trotz der umfassenden Unterstützung benötigten wir aufgrund der kleinen Aufzüge doch mehr als 20 Minuten für den Umstieg. Der Regionalexpress, der uns weiter nach Flensburg bringen sollte, stand schon am Gleis bereit. Wie ein „Express“ sah der Zug allerdings nicht aus. Wir hatten, wie wir es aus Köln kennen, einen Doppelstockzug oder zumindest eine Bahn mit ebenerdigen Einstieg erwartet. Stattdessen mussten wir die Räder, den Anhänger und sämtliches Gepäck wieder hochhieven. Im Mehrzweckabteil war dafür genügend Platz für alles. Die Fahrt konnte weitergehen.

Das Highlight der Bahnreise durch Schleswig-Holstein ist die Fahrt über die Rendsburger Hochbrücke. Die zwischen 1911 und 1913 erbaute Brücke überspannt den Nord-Ostsee-Kanal. Damit die Züge vom Rendsburger Bahnhof auf die 42 m hohe Brücke gelangen können, müssen sie eine „Ehrenrunde“ fahren. Denn da der Bahnhof, welcher vor dem Bau des Kanals errichtet wurde, nur etwa 600 m Luftlinie von der Brücke entfernt liegt, mussten sich die Konstrukteure eines technischen Tricks aus dem Alpenraum bedienen. Sie bauten eine etwa 4,5 km lange Auffahrtsrampe in Schleifenform, über welche die Züge das Niveau der Brücke erreichen.

Velkommen til Danmark

Nach gut zwei Stunden haben wir Deutschlands nördlichste Stadt erreicht. Langsam stellt sich Routine beim Umsteigen ein. Die Hilfe von zwei Radreisenden, die ebenfalls hier den Zug wechseln müssen, und der kompetenten Dame von der Heilsarmee sorgen für einen reibungslosen Umstieg in den Zug der dänischen Bahngesellschaft. Der Zug sieht allerdings mehr aus wie eine überdimensionierte U-Bahn. Von all dem bekommt unser Jüngster nichts mit. Er ist beim Zugwechsel in seinem Anhänger eingeschlafen und holt wenigstens ein bisschen Mittagsschlaf nach.

Auch wenn der Zug von innen wie außen gewöhnungsbedürftig aussieht, ist er komfortabel. Es gibt W-LAN, Versorgung mit Essen und Getränken und eine gute Übersicht, welche Bahnhöfe bis zur Endhaltestelle angefahren werden. Bei dem Blick auf die Anzeige fällt uns auf, dass dieser Zug bis zu unserem Zielbahnhof Sorø fährt. Aber warum müssen wir denn dann in Kolding noch einmal den Zug wechseln? Eigentlich können wir doch auch sitzenbleiben.

Leider finden wir den Schaffner erst, als wir schon fast den Bahnhof in Kolding erreicht haben. Er erklärt uns, dass es sich um den selben Intercity handelt, nur dass in Kolding weitere Wagen angekoppelt werden müssen. Unsere Reservierungen ab Kolding waren für die neuangekoppelten Wagen gültig. Wir mussten also doch noch einmal „umsteigen“. Da wir allerdings schon im Koldinger Bahnhof standen, musste der Wagenwechsel sehr schnell von Statten gehen. Aber Dank tatkräftiger Unterstützung durch das Bahnpersonal sowie unsere Radreisefreunde, die uns schon zwei mal beim Umstieg geholfen hatten und hier auf ihren Anschluss nach Norwegen warten mussten, ging alles problemlos über die Bühne.

Nächster Halt: Sorø Sø Camping

Hütte Campingplatz
Unsere Behausung für die ersten beiden Nächte

Die letzten knapp anderthalb Stunden Zugfahrt konnten wir nun genießen. Erste Blicke auf die Ostsee erhaschen. Um kurz nach 16 Uhr erreichten wir nach gut zehn Stunden Zugfahrt, drei Umstiegen und vielen Eindrücken unseren Zielbahnhof. Nun hetzt uns niemand mehr. In Ruhe können wir unsere Räder beladen und die Anhänger ankoppeln. Wir können direkt vom Gleis aus starten. Bis zum Campingplatz sind es gute vier Kilometer. Als wir den ersten Radweg befahren, der so breit ist wie eine Seitenstraße in Köln, sind wir einfach nur begeistert. 1a-Asphalt, der uns nur so dahinrollen lässt.

Auf dem Weg zum Campingplatz bekommen wir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Sorø schon zu sehen: den Sorø Sø, die Klosterkirche und das Rathaus. Aber dafür wollen wir uns morgen in Ruhe Zeit nehmen. Nach einer guten Viertel Stunde Fahrt haben wir den Campingplatz Sorø Sø erreicht. Da wir schon vorab reserviert haben, ist das Einchecken schnell erledigt und wir können unsere Bleibe für die nächsten beiden Nächte beziehen. Eine etwa 12m² große Hütte mit Blick auf den Pedersborg Sø.

Ein langer Tag liegt hinter uns. Unser Kleiner hat alles prima mitgemacht, sich kaum beschwert und ist nun sichtlich müde. Er schläft problemlos in unserer neuen Bleibe ein. Wir tun es ihm wenig später gleich.

 

Impressionen aus Sorø

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Streckenkarte

  • Hilfe von der Bahnhofsmission Umstiege während der Bahnreise sind schon mit kleinem Gepäck meist eine lästige Angelegenheit. Beim Start oder zum Ende der Radreise werden die Zugwechsel zu einer besonderen Bewährungsprobe, vor allem wenn Kinder dabei sind. Ein wertvoller Tipp, den wir vor Reiseantritt bekamen, ist, die Hilfer der Bahnhofsmission in Anspruch zu nehmen. Zum einen hat man weitere zupackende Hände, und zum anderen ortskundige Personen, die einen am fremden Bahnhof den Weg zum richtigen Gleis weisen. Einfach wenige Tage vor Reisebeginn in der entsprechenden Bahnhofsmission anrufen und die Verbindungsdaten mitteilen. Und vor allem die Spende nicht vergessen!
  • Sorø Kleinstadt mit etwa 7.500 Einwohnern auf der dänischen Insel Sjælland. Wälder und Seen prägen das Umland.

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